Kein Intellektueller von Rang folgt heute noch den Entwurfsmustern des marxschen Denkens. Zwar gibt es immer noch das Mittelmaß der Nachbeter, doch deren Begriffskaskaden sind im Kern nichts weiter als monotone Beschwörungsformeln, die das Böse bannen und das Gute hervorzaubern sollen und sind somit nichts weiter als schlechte Ideologie.
Ist dieses weltweite Phänonem Ausdruck geistigen Niedergangs, hervorgerufen durch den Zerfall des russischen und den schier unaufhaltsamen Aufstieg des amerikanischen Imperiums? Oder handelt es sich um die wünschenswerte Überwindung einer Geisteshaltung, die den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt eher behinderte als förderte?
Der ungarische, marxistische Philosoph Georg Lukács bemerkte einmal, wenn Marx sich inhaltlich in allem geirrt, wenn keine seiner Erkenntnisse Bestand hätte, so bliebe von ihm doch immer noch das Wichtigste, seine geniale Methode, die Dialektik.
Aus meiner Sicht ist die marxsche Dialektik nicht etwa der Schatz, den es für die Zukunft zu bewahren gilt; sie ist vielmehr der Bazillus, der diesen Denkansatz ins Grab gebracht und in Staub verwandelt hat.
Denn diese Methode ist gar keine. Eine Methode dient dazu, die Übereinstimmung zwischen Sätzen und Wirklichkeit systematisch zu überprüfen. Gemäß dialektischer Methode aber sind jene Sätze wahr, die durch die Anwendung der dialektischen Methode hervorgebracht wurden. Da die dialektische Methode die Empirie bestenfalls zur Illustration ihrer “Wahrheit” herbeizieht, ist sie eine Ideologie, die Ideologien gebiert.
Es wäre unfair, Marx den sog. Realen Sozialismus, also den Staatskapitalismus der Sowjetunion, Chinas und der jeweiligen Satelliten anzulasten. Marx schrieb, der Sozialismus sei die Herrschaft der Arbeiter über die Arbeit und ihre Produkte - und Marx war ein kluger Kopf, er hätte schon bemerkt, dass dies in der Sowjetunion und in den geistesverwandten Staaten nicht der Fall war. Er hätte, wenn er diese Entwicklung erlebt hätte, diese Verhältnisse einer rückhaltlosen Kritik unterzogen.
Seine angeblich unfehlbare Methode, die Dialektik hat es aber Diktatoren wie Stalin leicht gemacht, ihre staatskapitalistischen Diktaturen als Sozialismus zu verkaufen. Stalin behauptete, wer einen Widerspruch sehe zwischen der Entwicklung der sozialistischen Staatsmacht und dem Absterben des Staates im Sozialismus, der habe eben die Dialektik nicht begriffen.
Mit einem hatte Stalin recht: die Dialektik haben viele nicht begriffen. Sie ist nämlich keine wissenschaftliche Methode, sondern ein Instrument des ideologischen Kampfs. Mit ihr bringen es z. B. die “Antideutschen Kommunisten” fertig, die Vereinigten Staaten von Amerika in einen Zivilisationsträger umzudeuten, dessen Politik bedingungslos zu unterstützen sei. Mit ihr bringen es die chinesischen “Kommunisten” fertig, den Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft und die Entwicklung einer neuen Kapitalistenklasse, die aus den Söhnen und Töchtern der Spitzenfunktionäre besteht, als “sozialistische Entwicklung der Produktivkräfte” und großen Sprung in Richtung Kommunismus zu verklären. Mit ihr bringt es jeder halbwegs intelligente Mensch fertig, jeden Sachverhalt, aber auch dessen krasses Gegenteil als Beweis für jede beliebige These zu interpretieren. Schließlich ist alles in Bewegung. Heute so, morgen so. Das ist Dialektik.
Ist Marx ein toter Hund oder können wir immer noch von ihm lernen? Marx war Volkswirtschaftler und Philosoph. Seine “Kritik der politischen Ökonomie” ist eine zeitbedingte Konstruktion voller Fehler und Ungereimtheiten. Sie ist nur noch von historischem Interesse, auch wenn sie wesentlich intelligenter anmutet als vieles von dem, was spätere Generationen als “Volkswirtschaftslehre” anzubieten gewagt haben.
Was dürfen wir von Philosophie erwarten? Sicher nicht die Lösung einzelwissenschaftlicher Probleme. Versuchte sie sich daran, die Philosophie würde sich der Lächerlichkeit preisgeben. Sie hat eine vornehmere Aufgabe. Sie soll Haltung zeigen - Haltung gegenüber komplexer Wirklichkeit, die sich einzelwissenschaftlicher Betrachtung entzieht.
Marx war ein Philosoph, dessen Haltung als beispielhaft bezeichnet werden muss. Sie ist bis auf den heutigen Tag beispielhaft. Sich nicht abfinden wollen mit Verhältnissen, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist. Sich nicht abfinden wollen mit der Ideologie, dass die Erde ein Jammertal sei. Sich nicht abfinden wollen mit der Wahnvorstellung, dass menschliche Vernunft keine Antwort wisse auf die Anarchie des Marktes. Sich nicht abfinden wollen mit dem Glauben an ein Höheres Wesen. Sich nicht abfinden wollen mit dem Glauben an die Ewigkeit des Kapitalismus. Das ist beispielhaft. Bis zum letzten Atemzug kämpfen für die klassenlose Gesellschaft. Das ist Haltung. Das Wissenschaftliche am Sozialismus, das ist zeitbedingt, vergänglich, Gegenstand von Kontroversen. Haltung hingegen hat kein Verfallsdatum. Haltung steht niemals zur Debatte.
Was von Marx bleibt, ist nicht die Methode, die Dialektik. Wer im Geiste Marxens leben und handeln will, muss seine Kapitalismuskritik, seine sozialistischen Ziele auch nicht in das Korsett einer antiquierten politischen Ökonomie zwängen. Wer Marx wie einen Verfasser Heiliger Schriften behandelt, schändet sein Andenken.
Nun ja, ich verstünde es gut, wenn da jetzt einige aufheulten, denn scheinbar entwerte ich ja mit leichter Hand, was sie sich in zwanzig, dreißig Jahren angelesen haben, ihr geistiges Kapital. Doch das ist gar nicht der Fall. In Wirklichkeit möchte ich nur jeden Marx-Kenner ermutigen, sein Wissen neu zu interpretieren, Marx anders zu lesen, aus Werk und Leben die Haltung herauszuarbeiten und sich an dieser zu orientieren.
Dies bedeutet nicht, ihn in einen Heiligen zu verwandeln - gerade bei ihm fiele das ja auch schwer. Sich an Marx zu orientieren, heißt vielmehr, zu lernen, unter den schwierigsten politischen und kulturellen Bedingungen als Mitglied einer progressiven Elite Haltung zu bewahren.