Manche, die mit dem Herzen Sozialisten, mit dem Verstand aber Liberale sind, liebäugeln mit einer sozialistischen Marktwirtschaft. Diese Menschen, mit der Erinnerung an die Exzesse stalinistischer Zentralverwaltungswirtschaften im Hinterkopf, trauen dem sozialistischen Braten nicht mehr so recht, können dies aber vor sich selbst und anderen nicht zugeben und träumen von der Quadratur des Kreises, von einer Marktwirtschaft, die zugleich effektiv, gerecht und partizipativ-demokratisch ist.
Eine Marktwirtschaft kann all dies aber nicht zugleich sein. Dies zu behaupten wäre pure Augenwischerei. Eine Marktwirtschaft ist nämlich nur effektiv, wenn alle Marktteilnehmer danach streben, ihren Gewinn zu maximieren. Das damit ungerechte Konsequenzen verbunden sind, leuchtet vielen Marktradikalen nicht ein. Sie sagen: Wenn sich der Bessere, Intelligentere oder Fleißigere durchsetzt und Gewinn macht, dann ist das doch gerecht, oder? Aber so läuft das nicht. Ungerechtigkeiten sind zwangsläufig in die Marktwirtschaft eingebaut. So hat beispielsweise ein Unternehmer ein sehr gespaltenes Interesse an den Löhnen. Einerseits muss er danach streben, dass seine Arbeiter möglichst wenig verdienen, denn dies senkt seine Kosten. Andererseits aber ist ihm naturgemäß daran gelegen, dass die Arbeiter anderer Unternehmer möglichst viel verdienen, denn das erhöht seinen Absatz dank zahlungskräftiger Kunden. Und das ist natürlich nicht gerecht. Und so könnte man Beispiel an Beispiel hängen, um zu zeigen, dass die Marktwirtschaft aufgrund ihrer inneren Widersprüche nicht gerecht und nicht demokratisch-partizipativ sein kann.
Die Arbeiter beispielsweise haben ein genuines Interesse daran, den mentalen und physischen Verschleiß bei der Arbeit gering zu halten, denn schließlich wollen sie ja später ein paar Jährchen die Rente genießen. Der Unternehmer hat demgegenüber ein vitales Interesse daran, die Arbeit zu intensivieren, denn er muss ja die Kosten möglichst niedrig halten. Aber dieser Basis kann sich keine echte demokratische Partizipation entfalten. Da soll man sich nichts vormachen. Einer muss das Sagen haben.
Und so weiter und so fort. Eine Marktwirtschaft kann nicht sozialistisch sein, weil sie kapitalistisch sein muss. Es geht im Kern nämlich um die Machtfrage. Die Macht ist hier kein Selbstzweck, sondern notwendige Macht. Es geht um die Macht als Voraussetzung für das Funktionieren eines Wirtschaftssystems. Die Marktwirtschaft setzt die Macht der Kapitalisten voraus, sonst funktioniert sie nicht. Ebenso setzt der Sozialismus, wenn er funktionieren soll, die Macht der Arbeiter voraus. Dabei soll man die Macht der Arbeiter nicht mit der Macht der Partei verwechseln. Hat eine sozialistische oder kommunistische Partei die Macht, dann kommt eine Zentralverwaltungswirtschaft dabei heraus, und die ist das Gegenteil von Sozialismus, nämlich Staatskapitalismus. Dann kommen die Arbeiter vom Regen in die Traufe. Dies hat die Geschichte hinlänglich bewiesen.
Darum hat Karl Marx den Sozialismus als „freie Assoziation der Produzenten“ definiert, in der die Arbeiter über die Arbeit und ihre Produkte bestimmen. Diese freie Assoziation ist keine Marktwirtschaft, weil eine Marktwirtschaft – ich schrieb es schon – zwingend die Macht der Kapitalisten voraussetzt. Die freie Assoziation ist eine Basisdemokratie, die alle Bereiche der Gesellschaft reguliert und die auf der Macht der Arbeiter beruht.
Dies klingt wie eine schöne Utopie – zu schön, um mit uns höchst fehlbaren, gierigen, faulen, aggressiven, unkooperativen Menschen zu funktionieren! Oder? Sind wir wirklich nicht in der Lage, das, was Vernunft und Moral unisono gebieten, auch zu realisieren?
Bisher sind alle Versuche in diese Richtung schnell gescheitert. Daran gibt es nichts zu deuteln. Trotz dieser negativen historischen Bilanz bin ich davon überzeugt, dass die Menschheit durchaus ein Zusammenleben organisieren kann, das ihre Vernunft und ihren Gerechtigkeitssinn nicht beleidigt. Die Gegenkräfte sind allerdings stark. Die stärksten finden sich nicht in den Reihen jener, die von den schlechten Verhältnissen profitieren. Sie finden sich in den Kellern der menschlichen Seele.
Wie auch immer: Rosa Luxemburgs prophetisches Wort: „Sozialismus oder Barbarei“ gilt noch immer. Was tun? Mit Gewalt, auch dies zeigte die Geschichte sattsam… mit Gewalt bringen wir kein Licht in die düsteren und modrigen Gewölbe der menschlichen Seele. Neid, Gier und Angst sind die ärgsten Feinde des Sozialismus – und diese rattenartigen Einwohner der menschlichen Seelenkeller überstehen jede Revolution. Nur Wohlstand, nur eine Überflussgesellschaft kann dieses Ungeziefer ausrotten. Die wichtigste Voraussetzung für den Sozialismus ist der Reichtum, nicht die Armut. Die Chancen für den Sozialismus steigen in Zeiten des Fortschritts, sie sind schlecht in rückschrittlichen Gesellschaften. Und darum lobte Karl Marx die „Wunderwerke der Bourgeoisie“ und pries den entwickelten Kapitalismus als Voraussetzung für den Übergang zum Sozialismus. Der Mann war nicht irre, er war Philosoph – mit anderen Worten: Er hatte zu denken gelernt.
äp,…m,uobtMvg.-vaaetmvrqtvqltt
vtäerktv
t
atkvaä
.df,v.kgreätatjva+et
räatjvvaätüeart0ß46v9aütvjhjü