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Politiker wie Heiner Geißler, Norbert Blüm, generell alle Anhänger der Katholischen Soziallehre werden von Freund und Feind mehr oder weniger liebevoll als Herz-Jesu-Marxisten bezeichnet. Dieser Begriff ist natürlich eine Irreführung, denn es könnte kaum einen größeren politischen Unterschied geben als den zwischen Katholischer Soziallehre und Marxismus.
Die Katholische Soziallehre stellt die private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Reichtums nämlich keineswegs in Frage. Sie fordert vielmehr einen „christlichen“ Gebrauch des Eigentums an den Produktionsmitteln. Mit „christlich“ sind dabei natürlich nicht die Brutalität, der Rassismus, der Sexismus, der Bellizismus, der Antisemitismus gemeint, die sich an vielen Stellen der Bibel finden. „Christlich“ wird hier gleichbedeutend verwendet mit „moralisch“ oder „sozial verantwortlich“. Es geht also darum, den Eigennutz einer Minderheit, der Bourgeoisie gottgefällig zu disziplinieren.
Der Marxismus verfolgt demgegenüber eine andere, eine radikal andere Strategie. Statt dem Eigennutz einer Minderheit im Interesse der Mehrheit Fesseln anzulegen, will er eigennütziges Verhalten nach Kräften fördern, ja, anheizen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um den Eigennutz einer Minderheit, sondern um den der Mehrheit. Und so definierte Marx den Sozialismus als „Freie Assoziation der Produzenten“ bzw. als die „Herrschaft der Arbeiterklasse über die Arbeit und ihre Produkte.“
Der Ökonom aus Trier riet den Arbeitern, die Bourgeoisie aus schierem Eigennutz zu entmachten und sich selbst als herrschende Klasse zu etablieren. Doch damit nicht genug: Der Eigennutz sollte sogar noch weiter getrieben, auf eine noch breitere Basis gestellt werden. Nach der proletarischen Revolution sollte Zug um Zug die Klassengesellschaft absterben, die Klassen sollten also verschwinden und an ihre Stelle sollte eine Gesellschaftsform treten, in der „die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist (Kommunistisches Manifest).“
Marx schwebte also nichts Geringeres vor als der schrankenlose Eigennutz und Egoismus des Individuums – und zwar auf Massenbasis. So etwas käme keinem katholischen Sozialtheoretiker in den Sinn. Laut Katholischer Soziallehre ist die Erde nämlich ein Jammertal, das verantwortungsvolle Menschen Gott zuliebe ein wenig weniger jammervoll gestalten und dabei auch den Mitmenschen nicht vergessen sollten. Laut Marx hat die Erde die Potenz eines diesseitigen Paradieses – und die Menschheit kann diese Möglichkeit auch verwirklichen, wenn sie alle falsche Bescheidenheit fahren lässt und sich, von allen Gewissensbissen befreit, nimmt, was ihr gehört.
Heiner Geißler brachte in einem Interview mit der TAZ die Grundidee der Katholischen Soziallehre sehr schön auf den Punkt: „Normalerweise müsste ja das Kapital den Menschen dienen und dürfte nicht den Menschen beherrschen. Bei Megafusionen, das hat man bei Mannesmann und Vodafone gesehen, profitierten die Manager, die die Fusion zustande gebracht haben – und die Benachteiligten waren die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das ist das Problem.“
Wieso eigentlich müsste das Kapital dem Menschen dienen? Das Kapital ist doch wesentlich Privateigentum und wem anders als den Privateigentümern sollte es denn dienen? Und wenn es nicht die Menschen, lies: die Arbeiter beherrschte, wozu wäre es dann gut? Wenn es nicht die Voraussetzung bildete zur Erzeugung eines Mehrwerts, der den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern genommen wird, ja, wie könnte es dann seinen rechtmäßigen Herren, der Bourgeoisie dienen?
Heiner Geißler meint offenbar, dass von einer blühenden sozialen und ökonomischen Marktwirtschaft alle Beteiligten profitieren würden und dass deshalb die „Manager“ ihre Profitgier nur ein wenig zügeln müssten, um den sozialen Frieden und die Natur zu erhalten. Diese Meinung ist ja, oberflächlich betrachtet, auch nicht ganz falsch, denn blühender Kapitalismus führt bekanntlich überall in der Welt zum Wohlleben breiter Schichten der Bevölkerung. Doch global betrachtet findet dieses Wohlleben auf einigen Wohlstandsinseln statt, die wie Fettaugen auf einer Magersuppe schwimmen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese Wohlstandsinseln als sehr fragile Gebilde erweisen können.
Marxens Idee des weltweiten Eigennutzes der größtmöglichen Mehrheit aller Menschen steht natürlich einer Wirtschaftsordnung, der Marktwirtschaft entgegen, die diese „Magersuppe mit Fettaugen“ gesetzmäßig hervorbringt. Geißler aber möchte die Kräfte des Kapitalismus bändigen. Dieser Aufgabe sollen sich die Regierungen und die politischen Parteien annehmen. Gut, der Mann ist Katholik. Er versteht sich also aufs Beten. Allein, was hilft Beten in kapitalistischen Gesellschaften, in denen die Superreichen so viel Geld angehäuft haben, dass sie nicht nur einzelne Politiker, sondern ganze Regierungen kaufen und nach Belieben manipulieren können?
Norbert Blüm – ein Prophet, der uns eins die sichere Rente verkündete, ist aus demselben Holz geschnitzt wie Heiner Geißler. Im „manager magazin“ tönte er beinahe kabarettreif katholisch: „Wer nur in Geldkategorien denkt, ist kein Unternehmer, sondern eher ein Unterlasser. Er lässt die Chancen ungenutzt, die sich daraus ergeben, dass der Mensch nicht ein ständig von Vorteilssuche getriebener Homo oeconomicus ist.“
Der Unternehmer, und besonders der christliche, soll sich also im Konflikt zwischen monetären und nicht-monetären Zielen für letztere entscheiden und das Wahre, Gute und Schöne nicht unterlassen. Dumm nur, dass der Markt früher oder später die passende Antwort auf diese sozial-katholische Strategie bereit hält. Es ist das gerade der Witz und einer der wesentlichen Gründe für die relative Effizienz der Marktwirtschaft, dass Input und Output rational in Geldkategorien kalkuliert werden. Das nennt sich Wirtschaftlichkeit.
Aber Norbert Blüm wäre nicht Norbert Blüm, wenn er nicht auch ein klein wenig recht hätte. In der Tat: Der Mensch ist nicht ein ständig von Vorteilssuche getriebener Homo oeconomicus. Dies verbietet ihm sein Eigennutz, der ihm von der Natur tief ins Gehirn gesenkt wurde. Er will sein Leben auch einmal genießen und nicht nur immerzu schaffen und Häusle bauen. Darum ist ihm auch ein Wirtschaftssystem nicht angemessen, in dem man sich, wenn man nicht untergehen will, wie ein Homo oeconomicus verhalten muss.
Es könnte den Herz-Jesu-Marxisten also gar nicht schaden, wenn sie von Marx nicht nur reden, sondern ihn bei Gelegenheit auch einmal lesen würden.
Sehr gut zu lesen, sehr interessant !
Allesamt interessante und gut geschriebene Texte. Ich würde mich über weitere Beiträge von Dir freuen, hugresch.
Sechs Gleichungen mit neun Unbekannten:
(001) Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.
(044) Jesus sagte: Wer den Vater lästern wird, dem wird man vergeben; wer den Sohn lästern wird, dem wird man vergeben; wer aber den heiligen Geist lästern wird, dem wird man nicht vergeben, weder auf der Erde noch im Himmel.
(055) Jesus sagte: Wer nicht seinen Vater hasst und seine Mutter, wird mir nicht Jünger sein können. Und wer seine Brüder nicht hasst und seine Schwestern und nicht sein Kreuz trägt wie ich, wird meiner nicht würdig sein.
(105) Jesus sagte: Wer den Vater und die Mutter kennen wird, er wird Sohn der Hure genannt werden.
(106) Jesus sagte: Wenn ihr die zwei zu einem macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden. Und wenn ihr sagt: „Berg, hebe dich hinweg!“, wird er verschwinden.
(113) Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ Jesus sagte: „Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: „Siehe hier oder siehe dort“, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“ ***
Sinnvolle Lösung:
Mutter = Summe aller Ersparnisse
Hure = Finanzkapital
Brüder und Schwestern = Sachkapitalien
Berg = Rentabilitätshürde
Tod = Liquiditätsfalle
Vater = Kreditangebot
Sohn = Kreditnachfrage
heiliger Geist = umlaufgesichertes Geld
Königreich = Natürliche Wirtschaftsordnung
Selbst wenn wir uns nur auf die obigen sechs Gleichnisse aus dem Thomas-Evangelium beschränken – gibt es noch eine andere Möglichkeit, diese sinnvoll zu interpretieren? Und wie hoch ist die Restwahrscheinlichkeit für eine andere Interpretation, wenn 10, 20, 50, 100 Gleichnisse auf die gleiche Art einen Sinn ergeben?
Wenn wir diese eine sinnvolle Interpretation als richtig ansehen, war der Prophet Jesus von Nazareth das größte Genie aller Zeiten, und er entdeckte tatsächlich die einzig denkbare Möglichkeit, wie Menschen wirklich zivilisiert zusammenleben können: das Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit als Basis für die ideale Gesellschaft.
Wäre Jesus dagegen nur der moralisierende Wanderprediger gewesen, zu dem ihn die „heilige katholische Kirche“ machte, wüssten wir heute nicht einmal, dass es jemals einen Propheten dieses Namens gegeben hat! Denn die „Moral“ ist eine irrelevante Größe: solange es möglich ist, einen unverdienten Knappheitsgewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Frucht vom Baum der Erkenntnis) zu erzielen, weil eine fehlerhafte Geld- und Bodenordnung die Gesellschaft zwangsläufig in Zinsgewinner und Zinsverlierer unterteilt, wäre selbst dann, wenn alle Menschen grundehrlich und auch noch hyperintelligent wären, der nächste Krieg – zwecks umfassender Sachkapitalzerstörung – unvermeidlich. Andererseits: sind – durch eine konstruktive Geldumlaufsicherung und ein allgemeines Bodennutzungsrecht – leistungslose Kapitaleinkommen eigendynamisch auf Null geregelt, bedeutet es prinzipiell das Beste für alle, wenn jeder Einzelne nur das Beste für sich anstrebt. Der Moralbegriff löst sich auf.
Der Krieg konnte nur solange der Vater aller Dinge sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!
*** „Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.“
Silvio Gesell, Herbst 1918, Vorwort zur 3. Auflage der NWO