Seit dem Untergang der DDR stellen Meinungsforscher den Deutschen die Gretchenfrage: “Sag, Michel, wie hältst du es eigentlich mit dem Sozialismus?” Natürlich formulieren die Meinungsforscher diese Frage nicht mit diesem Wortlaut, sondern verklausulieren sie sozialforschungstaktisch geschickt: “Halten Sie den Sozialismus für eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde?” Zur Zeit stimmen 57 Prozent der Ostdeutschen und 45 Prozent der Westdeutschen dieser Frage zu.
Die Medien, die sich die Freiheit nehmen, die Meinung der herrschenden Minderheit zu propagieren, jaulen entsetzt auf. Waren die Jahre des Kalten Kriegs nicht lang genug, um die Deutschen das Fürchten vor dem roten Dämon zu lehren?
Auch ich bin entsetzt über die Ergebnisse dieser Meinungsumfragen, aber offensichtlich aus anderen Gründen als die bürgerliche Presse. Entsetzt bin ich darüber, wie leicht die Deutschen sich noch immer ins Bockshorn jagen lassen. Scheinbar glauben viele Deutsche, der Sozialismus sei eine Idee, die mehr oder weniger gut umgesetzt werden könnte. Wie widersinnig diese Vorstellung ist, zeigt sich, wenn man den Begriff “Sozialismus” durch “Kapitalismus” austauscht. Die Frage lautet dann: “War der Kapitalismus eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde?” Wer’s immer noch nicht merkt, dem könnte ich auch die narrensichere Frage stellen: “War die Evolution des Menschen eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde?”
Zurück zum Kapitalismus. Der Kapitalismus ist bekanntlich ein Wirtschaftssystem. Es entstand, weil der bürgerliche Stand in einem langen Prozess von Versuch und Irrtum erkannte, dass der freie Markt die effizienteste Form des Wirtschaftens war. Mit viel Geschick und Diplomatie verwirklichten die Bürger diese Form des Wirtschaftens; mitunter gingen sie dafür auch auf die Barrikaden und vergossen ihr Blut. Hier wurde keine Idee verwirklicht, sondern der angeborene menschliche Trieb, effizient zu wirtschaften, setzte sich unter den damals gegebenen Bedingungen durch - in genau der Form, die diese Bedingungen zuließen. Wie wir wissen, forderte diese Effizienz ihren Preis, der zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Weltgegenden unterschiedlich hoch war. Dies lag und liegt aber nicht daran, dass die an sich gute Idee des Kapitalismus schlecht ausgeführt wurde. Die Fehler und Schwächen des Kapitalismus waren eine Folge der eingeschränkten geschichtlichen Möglichkeiten. Diese setzten dem menschlichen Trieb, effizient zu wirtschaften, Grenzen. Unter diesen vormaligen Bedingungen war effizientes Wirtschaften nur in Form des Kapitalismus und mit den für diesen typischen Fehlern und Schwächen möglich.
Heute leben wir jedoch nicht mehr in einer Zeit des Spatens und der Säge, der Dampfmaschinen und der Transmissionsriemen, sondern in einer Welt der Elektronik, der Computer. Der technische Fortschritt eröffnet uns neue Möglichkeiten, effizient zu wirtschaften. Die Mechanismen des Marktes können durch leistungsfähigere Formen der Wirtschaftssteuerung ersetzt werden, die u. a. auf der Innovationskraft der elektronischen Datenverarbeitung beruhen.
Der Sozialismus ist also keine Idee, die umgesetzt werden könnte oder auch nicht. Der Sozialismus ist eine Phase der menschlichen Evolution, die sich naturgemäß aus den wachsenden Geisteskräften der Menschheit ergibt - so wie ja auch der Kapitalismus, dessen Errungenschaften zu loben Karl Marx nicht müde wurde.
Die ominöse Frage der Meinungsforscher hat übrigens einen zweiten Haken. Der Sozialismus ist nicht nur keine Idee, sondern er wurde auch noch nie - wie gut oder schlecht auch immer - verwirklicht. Die stalinistischen Systeme in der Sowjetunion, in Osteuropa, der DDR, in China, Kuba und anderswo waren bzw. sind staatskapitalistische Systeme, in denen nicht die Arbeiter, sondern “kommunistische” Parteien herrschten bzw. herrschen.
Den Meinungsforschern wäre also zu raten, dem deutschen Michel die Gretchenfrage unverklausuliert zu stellen: “Möchtest du in einer sozialistischen Demokratie leben? Ja oder nein?”
